Seit der Gründung der Nation ist die Idee einer offenen und stetig wachsenden Grenze zentral für die amerikanische Identität. Sie symbolisiert eine Zukunft voller Möglichkeiten und bildete die Grundlage für den Glauben der Vereinigten Staaten an sich selbst als außergewöhnliche Nation – demokratisch, individualistisch und zukunftsorientiert. Heute jedoch hat Amerika ein neues Symbol: die Grenzmauer.
In „Das Ende des Mythos“ untersucht der gefeierte Historiker Greg Grandin die Bedeutung des Grenzlandes im Verlauf der gesamten US-amerikanischen Geschichte – von der Amerikanischen Revolution über den Krieg von 1898 und den New Deal bis hin zur Wahl von 2016. Jahrhundertelang, so zeigt er, diente Amerikas ständige Expansion – Kriege und die Öffnung von Märkten – als „Fluchttor“, das half, innenpolitische und wirtschaftliche Konflikte nach außen zu verlagern. Doch diese Verlagerung führte dazu, dass die Probleme des Landes, von Rassismus bis Ungleichheit, nie direkt angegangen wurden. Und nun haben die verheerenden Folgen der Finanzkrise von 2008 und die aussichtslosen Kriege im Nahen Osten dieses Tor endgültig verschlossen und die politischen Leidenschaften, die lange Zeit anderswo entbrannt waren, wieder ins Inland gelenkt.
Laut Grandin erklärt diese neue Realität den Aufstieg des reaktionären Populismus und des rassistischen Nationalismus, die extreme Wut und Polarisierung, die Trump ins Präsidentenamt katapultierten. Ob die Grenzmauer gebaut wird oder nicht, sie wird als Symbol des Widerstands bestehen bleiben, als allegorischer Grabstein, der das Ende des amerikanischen Exzeptionalismus markiert.