Tantra, ein komplexes Gefüge religiöser Praktiken, das sich in den hinduistischen, buddhistischen und jainistischen Traditionen verbreitet hat, eine Form der Spiritualität, die Sexualität, sinnliche Lust und die gesamte Bandbreite körperlicher Erfahrung mit dem religiösen Leben zu verbinden scheint, spielt seit der ersten „Entdeckung“ indischer Religionen durch europäische Gelehrte eine zentrale, aber auch widersprüchliche Rolle in der westlichen Vorstellungswelt. Stets radikal, stets extrem fremdartig, hat sich Tantra als Schlüsselfaktor für die Vorstellung von Indien erwiesen. Dieses Buch bietet eine kritische Auseinandersetzung mit der Entstehung dieses Phänomens.
Hugh B. Urban zeichnet die komplexe Genealogie des Tantra als Kategorie innerhalb der Religionsgeschichte nach und zeigt, wie es durch das Zusammenspiel populärer und wissenschaftlicher Vorstellungen geformt wurde. Tantra erscheint als Produkt von Spiegelung und Fehlinterpretation im Spannungsfeld zwischen Ost und West – eine dialektische Kategorie, die aus dem fortwährenden Wechselspiel westlicher und indischer Denkweisen hervorgegangen ist. Unter Einbeziehung historischer Details, Textanalysen, populärkultureller Phänomene und kritischer Theorie präsentiert dieses Buch Tantra als ein wandelbares Gefüge aus Fakten, Ängsten und Wunscherfüllung, zugleich vertraut und fremd, das den Kern unserer Konstruktionen des exotischen Orients und des modernen Westens berührt.