In diesem außergewöhnlichen Werk der Reportage kehrt Kapka Kassabova nach Bulgarien zurück, von wo sie 25 Jahre zuvor als junges Mädchen emigriert war, um die Grenze zu Türkei und Griechenland zu erkunden. In ihrer Kindheit hieß es, die Grenzregion sei ein einfacherer Übergang in den Westen als die Berliner Mauer und wimmelte von Soldaten und Spionen. An Urlauben an der „Roten Riviera“ am Schwarzen Meer erinnert sie sich, wie sie nur wenige Kilometer von einem borstigen Elektrozaun entfernt spielte, dessen Stacheln nach innen, zum Feind – den Bürgern des totalitären Regimes – gerichtet waren.
Kassabova entdeckt einen Ort, der von den aufeinanderfolgenden Kräften der Geschichte geprägt wurde: dem Sowjet- und dem Osmanischen Reich und, noch älter, Mythen und Legenden. Ihre eindrucksvollen Porträts von Feuerläufern, Schmugglern, Schatzsuchern, Botanikern und Grenzsoldaten bevölkern das Buch. Auch die zerlumpten Männer und Frauen, die aus Syrien und dem Irak durch die Türkei marschiert sind, werden erwähnt. Doch scheinen hier auch nichtmenschliche Kräfte am Werk zu sein: Die dicht bewaldete Landschaft ist reich an heilenden Quellen und thrakischen Gräbern, und die Anziehungskraft der Antike, des Kreislaufs der Zeit und des Animismus ist allgegenwärtig.
Grenze ist eine funkelnde, fesselnde Reiseerzählung, die zugleich eine Schattengeschichte des Kalten Krieges, ein Blick auf die Migrationskrise in Europa und ein tiefer, geheimnisvoller Abstieg in innere und äußere Geografien ist.